
Es ist kalt draußen, der schneidende Winterwind fegt durch
die Straßen, wirbelt weggeworfene Zeitungen fort, lässt vereinzelte
Schneeflocken einen wilden Tanz aufführen. Auf einer vereisten Bank liegt ein
Obdachloser, wickelt sich in seine dünne Jacke, versucht zu schlafen. Doch die
Kälte hindert ihn daran, flüstert ihm immer wieder mit eisiger Stimme ins Ohr,
lässt seine Glieder ertauben, seine Lippen blau werden. Im nächsten Baum
kuscheln sich Wintervögel aneinander, das Fell aufgeplustert, den Schnabel in
den Flügeln verborgen. In der schwarzen Dunkelheit werden die Schneeflocken
angestrahlt wie glitzernde Sterne.
Die Sterne waren es,
die Kathrin beobachtete. Die Sterne am Himmel, und die Sterne in der Luft. Sie
beobachtete den Obdachlosen, dem sie manchmal etwas zu Essen gab, und
überlegte, ihm eine Decke zu bringen. Vielleicht. Vermutlich aber nicht.
Hier in ihrer
Wohnung war es warm. Die Heizung lief schon den ganzen Winter lang, und die
Luft war verbraucht und trocken. Es war Zeit für den Frühling. Eine Träne rann
Kathrin über die Wange. Hinter ihr wartete Chris auf eine Antwort, doch sie
beobachtete weiter die Sterne und versuchte, an gar nichts zu denken.
„Katy.“ Die Stimme
war leise, fast drohend. „Du schuldest mir eine Antwort.“
Sie drehte sich
herum, langsam, blitzte ihn wütend an. „Ich schulde dir gar nichts.“
Sein Mundwinkel
zuckte. „Wir sind verheiratet. Du
schuldest mir die Treue.“
„Das sagst gerade
du? Ich bin es nicht, die ihren Ehepartner betrogen hat.“
„Katy.“ Wieder
dieses drohende Machogehabe.
„So ist mein Name“,
erwiderte sie aufgebracht. „Und bald wird es wieder Morrison sein, nicht
Cupping.“
„Es ist schon zwei
Monate her!“ Chris presste den Kiefer zusammen, in seinen Hosentaschen ballten
sich die Hände zu Fäusten. Kathrin wusste, sie würde nun vorsichtig sein
müssen.
Ein Liedtext kam ihr
in den Sinn. Sie schloss die Augen und drehte sich wieder zum Fenster. Mit
leiser, rauer Stimme begann sie, P!nks „Just give me a reason“ zu singen.
"Right from the start
You were a thief you stole my heart
And I your willing victim
I let you see the parts of me
That weren't all that pretty.”
You were a thief you stole my heart
And I your willing victim
I let you see the parts of me
That weren't all that pretty.”
Eine weitere Träne verließ ihren Platz, machte sich auf den weiten Weg
ihre Wange hinunter. Das Licht der Straßenlaterne spiegelte sich in ihr, und
für einen Moment glitzerte sie heller als die Schneeflocken vor dem Fenster, in
der eisigen Kälte.
Sie wartete darauf, jeden
Moment das wütende Schnauben ihres Ehemannes zu hören, doch hinter ihr blieb es
still. Die Stille war bedrückend,
traurig.
And
with every touch you fixed them.
So ging das Lied weiter, doch Kathrin wagte es nicht, diesen Part zu
singen. Und mit jeder
Berührung hast du sie beseitigt, hieß es in ihm. All die hässlichen Seiten
in ihr. Chris hatte ihr zugehört, als sie von ihren Problemen geredet hatte,
und mit einem süßen Kuss hatte er sie beseitigt, hatte sie fortgewischt. Doch
das war vor fünf Jahren gewesen, und Chris hatte sich verändert.
Sie drehte sich
herum, öffnete die Augen. Beunruhigt über die Stille. Vielleicht war er fort,
hatte sich hinausgeschlichen.
Er war noch da,
stand an genau derselben Stelle wie zuvor, einen verlorenen Ausdruck im
Gesicht. Für einen Moment sah er aus wie der Mann, den Kathrin geheiratet
hatte. Der Moment blieb, wurde länger. Chris schluckte, sein Adamsapfel hüpfte
auf und ab. Er begann zu singen, ein männlicher, tiefer Tenor. Töne, die
Kathrin noch nie von ihrem Mann gehört hatte.
„Now you've been talking in your sleep
Things you never say to me
Tell me that you've had enough
Of our love, our love.”
Things you never say to me
Tell me that you've had enough
Of our love, our love.”
Die Worte machten sie wütend. „Nicht ich habe genug von unserer Liebe“,
zischte sie. Es verletzte sie, dass Chris ihr das mithilfe dieses Liedes
vorwarf.
„Du hast die Scheidung
eingereicht, nicht ich.“ Seine Stimme war emotionslos.
Wieder kamen ihr heiße Tränen
hoch. Diesmal war sie es, die ihre Fäuste ballte. „Du hast mich betrogen,
Chris. Du hast mit einer anderen Frau geschlafen. Und du wirfst es mir allen
Ernstes vor, dass ich die Scheidung möchte?“
Er blickte zu Boden. Sang
wieder.
„Just
give me a reason
Just a little bit's enough
Just a second we're not broken just bent
And we can learn to love again.”
Just a little bit's enough
Just a second we're not broken just bent
And we can learn to love again.”
Eine Träne tropfte von seiner Nasespitze und
landete mit einem dumpfen, leisen Geräusch auf dem Wohnzimmerteppich. Noch
immer war er der Chris, den sie geheiratet hatte.
„Einen Grund möchtest du? Ich
gebe dir tausend Gründe. Bediene dich nicht mehr dieses elenden Liedes, der
Text passt nicht mehr zu unserer Unterhaltung. Melde dich vielleicht in zehn
Jahren wieder.“
Sie ging an ihm vorbei zu ihren
gepackten Koffern an der Tür. Er, widerstandslos, still. Nicht mehr der neue
Chris, aber auch nicht der alte. Ein ganz neuer.
Sie wirft noch einen letzten
Blick über die Schulter auf seinen gesenkten Kopf. Weitere Tränen tropfen auf
den Teppich. Das Licht der Straßenlaternen spiegelte sich in ihnen. Noch immer
hatte Kathrin dieses Bild vor Augen, als sie auf die Straße trat, in ihren
dicken Mantel gehüllt, und mit ihren Koffern an dem Obdachlosen vorbeilief.
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